Liebe und Sterben „Mein Mann war ein Wikinger“

Über zwei Jahre hat Isrun Speer ihren schwer kranken Ehemann, bis zu seinem Tod im Herbst 2018, begleitet. In einem Interview mit uns spricht sie über Liebe und Sterben, Erfahrung, Wahrnehmung und Gefühle sowie ihrer Haltung gegenüber der Begleitung ihres Mannes in der letzten Lebensphase.

Begleitung in der letzten Lebensphase

Ein Interview über Liebe und Sterben, Erfahrung, Wahrnehmung und Gefühle © Isrun Speer

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Haltung, Liebe und Sterben

 

Redaktion: Frau Speer, was verbinden Sie mit dem Begriff „Haltung“?

Isrun Speer: Mit dem Begriff „Haltung“ verbinde ich drei Dinge: „Haltung“ steht einerseits für eine Einstellung, die ich zu Dingen oder Personen habe und wie ich mich zu diesen Dingen oder gegenüber Personen verhalte. Da ist aber auch „Haltung bewahren“ – insbesondere in schwierigen Situationen. Das gilt für mein Privatleben wie für meine berufliche Situation. Ich übe eine leitende Tätigkeit aus und hier ist es mir ganz wichtig, Haltung zu zeigen, einer Überzeugung Ausdruck zu verleihen. Nicht im Sinn von immer Recht haben wollen, sondern im Sinn von Rückgrat zeigen – z. B. gegenüber meinen Kolleginnen und Kollegen aber auch unterstützend für mein Team gegenüber meinen Vorgesetzten. Ja, und dann hat Haltung für mich auch etwas mit Körperhaltung zu tun. So verbinde ich z. B. eine „aufrechte Haltung“ – im doppelten Sinn – mit konsequentem, selbstsicherem Verhalten.

Redaktion: In welchen Zusammenhängen spielt „Haltung“ für Sie eine Rolle?

Speer: Wie bereits erwähnt, ist es für mich hilfreich, insbesondere in schwierigen Situationen Haltung zu bewahren – eine Einstellung zu haben, die mir Orientierung und Sicherheit vermittelt. Das ist und war mir – nein, eigentlich uns, meinem Mann und mir – immer wichtig. Das heißt für mich nicht automatisch, immer stark sein und Ja-Sagen zu müssen – das kann auch Nein-Sagen bedeuten.

 

 "Haltung steht für mich auch für Authentizität."

 

Auch in meinem Beruf versuche ich, diese Einstellung zu leben. In meiner Führungsposition bemühe ich mich, meinen Kolleginnen und Kollegen Orientierung zu geben – ihnen aber gleichzeitig zu vermitteln, dass sie auch selbst kreativ und selbstbewusst agieren können. Das führt mich zu einem dritten Punkt: Haltung steht für mich auch für Authentizität. Je besser ich mich kenne, meine Einstellung zu etwas oder zu jemandem – umso besser kann ich das nach Außen vermitteln. Ich muss keine Rolle spielen oder mir einen „andren Hut“ aufsetzen und mich darunter verstecken.

Redaktion: War „Haltung“ für Sie in der Zeit, in der Sie Ihren Mann in seiner letzten Lebensphase begleitet haben, von Bedeutung?

Speer: Auf jeden Fall! Und zwar in vielerlei Hinsicht. Wir haben immer eine Partnerschaft auf Augenhöhe gelebt. Wir sind offen, ehrlich, gleichwertig und direkt miteinander umgegangen. In den zwei Jahren mit der Krankheit haben sich hier zunehmend einige Dinge verändert. Mein Mann und ich sind kompromissloser geworden; waren wir – insbesondere er – früher immer auf Ausgleich bedacht, haben wir in dieser Zeit Prioritäten anders gesetzt. Die potenzielle verbleibende Zeit und was uns in dieser Zeit wichtig war, ist hier ausschlaggebend gewesen. Für mich war es auch ein Prozess, die Entscheidungen meines Mannes – auch gegen meine Überzeugung – zu akzeptieren und zu unterstützen. So wollte mein Mann – nachdem wir etwa in der Mitte seines Krankheitsverlaufes eine „Abschiedstour“ in seiner Heimat zu seiner Familie und Freunden im Norden unternommen hatten – in seinen letzten Lebenstagen seine Familie − Mutter, Geschwister − aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr sehen. Ich habe seine Entscheidung akzeptiert und ihn in der Umsetzung dabei gegen den Willen seiner Brüder unterstützt. Ich musste lernen, eine Haltung zu entwickeln, dass er selbstbestimmt sein verbleibendes Leben gestalten möchte, auch inklusive für oder gegen Therapie und Behandlung.

 

 "Er wollte mich gut versorgt wissen."

 

Dazu gehörte aber auch, dass mein Mann fürsorglich Entscheidungen für mein Leben ohne ihn planen und treffen wollte. Er wollte mich materiell gut versorgt wissen. Sei es durch die Anschaffung eines neuen Kleiderschrankes oder von Haushaltsgeräten.

 

"Mein Mann war ein ‚Wikinger‘ – er musste erst lernen, Unterstützung und Hilfe anzunehmen."

 

Er hatte große Schwierigkeiten zu akzeptieren, dass die Krankheit ihn mehr und mehr körperlich einschränkte. An warmen Tagen saßen wir abends oft draußen unter einem Baum – wenn es seine Verfassung zuließ – haben den Sonnenuntergang beobachtet und über das Leben philosophiert, auch über sein absehbar endliches. Und noch etwas hat sich verändert: Ich habe mir keine Schwäche mehr zugestanden, ich wollte für ihn stark sein. Ich habe ihm vermittelt, dass ich ihn mit allem, was in meinen Möglichkeiten liegt, unterstütze. Das hat sich in vielen kleinen Dingen gezeigt. Ich war – bis auf seine letzten Lebenswochen – zwar weiterhin berufstätig, hier aber jederzeit für ihn erreichen. Mein Handy war immer auf Empfang. Das war vor seiner Erkrankung nicht so. Das gab ihm, aber auch mir, Sicherheit. Wenn er mich bat, nach Hause zu kommen, bin ich sofort zu ihm gefahren. Ich wollte mich einfach auch nicht gehen lassen, ich hatte einerseits das Gefühl, dann hätte ich mich um zwei Personen kümmern müssen − um ihn und um mich −, und das hätte meine Kraft überfordert. Andererseits hätte mein Mann sich sonst zusätzlich zu seiner Krankheit auch noch Sorgen um mich gemacht.Nach dem Tod meines Mannes musste ich erst wieder lernen, auch Schwäche zuzulassen, mich um mich zu kümmern und Hilfe von den mir nahestehenden Menschen für mich anzunehmen.

Redaktion: Hatten Sie eine Haltungs-Erwartung an die Sie professionell, ehrenamtlich oder familiär-freundschaftlich begleitenden Personen?

Speer: Ja, ich denke schon. Im Verlauf der Erkrankung hatten wir Kontakt zu vielen Pflegenden, Ärzten und Therapeuten – im Krankenhaus wie in der Versorgung meines Mannes zuhause. Ich war ja auch unsicher in dieser Situation, hatte keine Erfahrung und habe mir kompetente, sachliche aber durchaus zugewandte und einfühlsame Unterstützung gewünscht. Ich schätze Nähe – aber auch durchaus eine gesunde Distanz. Von den Freunden, die uns in dieser Zeit nahe standen, habe ich mir liebevolle Offenheit gewünscht und zum ganz großen Teil auch erhalten. So eben einfach auch die Möglichkeit, spontan mal vorbeizufahren oder spontan um Hilfe zu bitten.

Redaktion: Haben Sie – und wenn ja, wie – eine Haltung bei den Pflegenden, Freunden und Familienmitgliedern wahrgenommen und gespürt?

Speer: Bis auf eine Ausnahme, wurden mein Mann und ich von sehr kompetenten, gleichzeitig aber auch einfühlsamen Pflegenden und Ärzten begleitet. Wir wurden gesehen, unsere Entscheidungen respektiert und wir fühlten uns wertgeschätzt. So haben die Ärzte in Gesprächen Offenheit über Heilungschancen und Perspektiven angeboten und uns damit Orientierung ermöglicht. Pflegende haben die Entscheidung meines Mannes akzeptiert und unterstützt – auch wenn diese offenkundig nicht vernünftig und gegen ihre Überzeugungen waren.

 

"Ganz wichtig war zu wissen, dass diese jederzeit erreichbar gewesen wären, auch wenn wir dies nachts und an den Wochenenden selten in Anspruch nehmen mussten."

 

Insbesondere aber auch durch unseren Hausarzt und die Mitarbeiter der Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung hatten wir das Gefühl, fachlich gut informiert und soweit erforderlich auch versorgt zu sein. Ganz wichtig war zu wissen, dass diese jederzeit erreichbar gewesen wären, auch wenn wir dies nachts und an den Wochenenden selten in Anspruch nehmen mussten, da alles gut vorbereitet und aufgestellt war. Sie haben uns dabei unterstützt, in der besonderen Situation auch so weit wie möglich Normalität zu leben. So haben wir auch gewitzelt und viel zusammen gelacht. Das war wichtig und tat uns gut. Bei unseren Freunden war das unterschiedlich; da gab es die, die mit der Krankheit meines Mannes und der gesamten Situation nicht umgehen konnten oder sie nicht ernst (genug) nahmen. Hier gab es keine Unterstützung oder sogar „Funkstille“. Aber es gab und gibt eben auch Freunde, die nicht weggesehen haben, auch wenn die Situation für sie auch nicht einfach war. Die spontan vorbeigekommen sind, einfach nur zugehört oder aktive Unterstützung geleistet haben. Das war wirklich gut und wichtig.  Und da gab es auch noch die Situation an meinem Arbeitsplatz. Ich hatte hier gute Unterstützung durch meine Kollegen, zeitlich auch spontan nach Bedarf agieren zu können. In den letzten Wochen war ich zu Hause, um rund um die Uhr bei meinem Mann sein zu können.  Nachdem mein Mann verstorben war und ich wieder ins Büro ging, habe ich mein Team zusammengerufen und offen über alles, auch über meine Trauer, gesprochen. Ich wollte damit ihrer Unsicherheit und Verlegenheit in der Begegnung mit mir vorbeugen und Offenheit zeigen. Das ist auch Teil meiner Haltung gegenüber meinen Kollegen.

Redaktion: Wenn nein, was hätten Sie sich gewünscht?

Speer: In manchen Situationen – insbesondere in der letzten Phase – waren die familiären Kontakte nicht immer konfliktfrei. Hier hätte ich mir für meinen Mann gewünscht, dass seine Vorstellungen und Entscheidungen respektiert worden wären.

Insgesamt glaube ich, dass mir unsere, auch vor der Krankheit gelebten, Haltungen und die, die ich im Verlauf der Erkrankung erlernen musste und durfte, geholfen haben, diese schwierige Zeit zu überstehen. Es war seit seinem Tod ein schwieriger, aber mittlerweile auch positiver Weg, unterstützt von Freunden und Familie, mein Leben ohne meinen Mann zu finden – auch wenn er irgendwie immer bei mir sein wird.

Redaktion: Frau Speer, wir danken Ihnen für Ihr Vertrauen und das offene Gespräch.

 

 


 

Fatigue

Das Materialpaket zu dieser Ausgabe: Jubiläumschrift 10 Jahre pflegen: palliativ: „Haltung – im gesellschaftlichen und professionellen Kontext“ Beiträge aus Politik, Gesellschaft und Palliative Care.


Fatigue– Materialpaket

pflegen: palliativ Nr. 41/2019

 


 

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