Ein PlädoyerDemenz im Krankenhaus

Bereits 2002, im vierten Altenbericht der damaligen Bundesregierung wurde angemerkt, dass ein Krankenhausaufenthalt für Menschen mit Demenz mit großen Belastungen einhergeht. Zwölf Jahre später zeigte das Pflegethermometer 2014 in einer bundesweiten Befragung leitender Pflegekräfte zur Versorgung von Patienten mit Demenz (Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung e.V.) dezidiert, dass sich die Zustände nicht gebessert haben, obschon der Anteil älterer und damit auch der Anteil von Patienten mit Demenz im Krankenhaus kontinuierlich gestiegen ist.

Krankenhaus

Krankenhaus © Stefan Schweihofer/pixabay Creative Comments

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Krankenhäuser sind zumeist weder strukturell noch organisatorisch, nicht einmal konzeptionell auf Menschen mit Demenz vorbereitet. Die Betroffenen und ihre Angehörigen müssen mehr oder minder Glück haben, insbesondere bei nichtelektiven Krankenhausaufenthalten, auf Personen und Umstände zu treffen, die tatsächlich zur Behandlung, Genesung und Ereignisfolgenminderung beitragen. Patienten mit Demenz tragen ein erhebliches Risiko, in Kliniken auf unzureichende Umstände zu treffen. Die Folge sind delirante Zustände, Drehtüreffekte, nosokomiale Infektionen, Verlust an Autonomie und Lebensqualität, verfrühte Übersiedlung ins Pflegeheim. Immer öfter machen auch Angehörige und Betreuer ihrer Wut und ihrer Enttäuschung darüber in Bewertungsportalen im Internet, in Beschwerdebriefen und Berichten darüber Luft.

Pflexit und „Moral distress“

Auf der anderen Seite stehen die Behandler. Vorwiegend diejenigen mit den meisten Patientenkontakten fliehen aus ihrer prekären Berufssituation. Unter dem Stichwort Pflexit kündigen Pflegekräfte ihren Arbeitgeber oder reduzieren die Arbeitszeit, um sich der ständigen Überlastung zu erwehren. Dies hat natürlich vielerlei Ursachen. Dennoch müssten Führungskräfte viel stärker berücksichtigen, dass Menschen grundsätzlich nicht unter Dauerstress zu Höchstleistungen fähig sind – auch nicht bei relativ guter Bezahlung. Eine Pflegefachkraft, welche sich ständig in überfordernden Situationen wiederfindet, wird früher oder später etwas an dieser Situation ändern wollen – und müssen. Überforderung entsteht nicht nur durch den Mangel an Kollegen, sondern auch dadurch, dass es weder Struktur noch Handlungskompetenz und –plan gibt, wie beispielsweise mit herausfordernden, also ungewohnten, abweichenden Verhaltensweisen von Patienten angemessen umgegangen werden kann. Da genügt der Tageskurs Validation eben lange nicht. Hinzu kommt, dass Menschen die ständig gegen ihre innere Überzeugung handeln müssen, sich in einem Dauerkonflikt befinden. „Moral distress“, so die fachliche Bezeichnung, entsteht in der Pflege zum Beispiel dann, wenn die Fachkraft weiß, was ein Patient eigentlich bräuchte, aber zu Handlungen genötigt wird, die dem strukturellen Aufbau der Organisation geschuldet sind. Auch im Nachgang zu Schulungen, die zwar ein intellektuelles Mehr an Wissen vermitteln, aber keinen Theorie-Praxis-Transfer beinhalten, befördern diesen inneren Konflikt eher als dass praktische Verbesserungen erzielt werden. Wie lange wollen Klinikdirektoren sich das noch leisten?

Die Hürden

Seitens der Pflegenden sind die Herausforderungen der Versorgung von Patienten mit Demenz am deutlichsten spürbar. Daher gibt es ein breites Problembewusstsein. In Kliniken sind wirtschaftliche Erwägungen die größten Hürden in der Umsetzung demenzsensibler Konzepte. Die Befürchtung enormer Mehrkosten, denen keine Refinanzierung gegenübersteht, hemmen Innovationen. Das DRG-System fördert eine bedarfsorientierte Versorgung ebenfalls nicht – zumal Demenzen regelrecht keinen Krankenhausaufenthalt bedingen, sondern eine Nebendiagnose bleiben. Rationierungsmaßnahmen und die Optimierung von Abläufen neben dem Mangel an Mitarbeitenden tun ihr übriges. Kurz: Die Wirklichkeit der Codierung ist eine völlig andere als die Versorgungswirklichkeit. Vergleichsweise einfach ist es hingegen ggfs. fehlendes Wissen über Demenzerkrankungen und mangelnde Handlungssicherheit auszugleichen. Jedoch verlangt ein veränderter Umgang mit Patienten mit Demenz der dazu beiträgt schwierige Situationen zu lösen, herausforderndes Verhalten zu mindern oder gar nicht erst entstehen zu lassen, eine Verstetigung. Kontinuität statt einmaliger Veranstaltungen. Teamübergreifende Fortbildung statt Schulung Einzelner müssen für Kliniken auf dem Weg zum demenzsensiblen Krankenhaus handlungsleitend sein. Aus dieser Gemengelage speisen sich dann die sowohl für die Betroffenen als auch die Behandler wenig zufriedenstellende Ergebnisse.

Eine weitere Fehlannahme ganz grundsätzlicher Natur ist, dass um Verbesserungen für Patienten mit Demenz und Krankenhäuser zu erzielen, die sofortige Investition von hunderttausenden Euro notwendig ist, die als patientenverschenkte Mehrausgaben pseudoobjektiviert werden. Dabei sind Verbesserungen auf Stationsebene zumeist schon mit überschaubaren Veränderungen machbar, sofern die Behandler darin kontinuierliche Unterstützung erfahren.

Entwicklung

Zumindest im Augenblick fehlt es an feststehenden Kriterien, was ein demenzsensibles Krankenhaus ausmacht. Dies lässt natürlich einen gewissen „Wildwuchs“ zu und birgt die Gefahr, dass gut gemeinte Einzelaktionen ohne den Blick auf die Gesamtorganisation wenig wirkungsvoll etabliert werden. Jedoch birgt dieser fehlende Rahmen auch eine Reihe von Chancen. Sich als Krankenhaus der Zukunft auch dem demografischen Wandel zu stellen und dabei einer besonderen Klientel die gebührende und notwendige Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Dies im Rahmen maßgeschneiderter, individueller Lösungen.

Das beginnt mit der Sensibilisierung des Aufnahmeprozesses, der Einbindung der Expertise der Angehörigen, der Anpassung der Assessments und Dokumentation sowie Schulungen, die sich an ihrem Effekt auf die Versorgungspraxis messen lassen müssen statt an der Tiefe ihrer Theorie oder der Berühmtheit ihrer Protagonisten. Es endet längst nicht mit der personellen und sachlichen Ausstattung und der verpflichtenden Beratung zur optimalen Weiterversorgung, einem angemessenen Schmerzmanagement und der gezielten Unterstützungen von Pflegenden ihrem Auftrag nach einer rehabilitativen, Würde und Autonomie wahrende Versorgung nachkommen zu können.


Weitere Beiträge zum Thema "Demenz im Krankenhaus" von Jochen Gust finden Sie unter anderem in "gesund pflegen" Heft. 1, 2018. Hier geht es zum Shop.

Einen Beitrag über das Projekt, den Expertenstandard "Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz" in einem Akutkrankenhaus zu etabilieren, finden Sie in pflegen: Demenz "Beziehungsgestaltung" Heft 49.

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