Wenn ein Mensch mit Demenz kaum noch isstNahrungsverweigerung bei Demenz

Wer entscheidet über die künstliche Ernährung bei Menschen mit Demenz? Stephan Braun, Altenpfleger und Dozent, berichtet über die schwierige Entscheidung, ob ein demenzkranker Mensch künstlich ernährt werden sollte oder nicht – und, wie ihm die Fallbesprechungen in seinem Team dabei helfen.

 

Tablett mit Essen in einer Pflegeeinrichtung

© rawpixel/pixabay Creativ Commons

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Die Aufgabenbereiche Ernährung und Gestaltung von Mahlzeiten umfassen die Erfordernisse zweier grundlegender Ziele im Rahmen der pflegerischen Versorgung von Menschen mit Demenz. Zum einen der Sicherstellung eines ausreichenden und qualitätsvollen Nahrungsangebots, daneben die anregende Gestaltung der Mahlzeiten, sodass diese für Menschen mit Demenz eine Erlebnismöglichkeit bietet.

Die Ernährung alter Menschen

Wie ich das als Altenpfleger praktisch umsetzen kann, ist in zahlreichen Fachbüchern und Artikel abgebildet. Ab welchem Körpergewicht ein Mensch mit Demenz einer „Unterernährung“ gefährdet ist, sagt mir der zumindest in der stationären Altenpflege verbindliche Expertenstandard „Ernährungsmanagement“. Zu diesem wurde ich als Pflegender geschult, kann Assessments zur Erhebung des Ernährungsstatus anwenden. Natürlich ist ein möglichst rechtzeitiges Erkennen von Ernährungsproblemen wünschenswert, um auf das Ernährungsdefizit früh reagieren zu können. Durch ein mindestens monatliches Wiegen der Bewohner und Berechnung des entsprechenden BMI-Wertes kenne ich deren Körpergewichte auswendig, während ich ihre Geburtstage teilweise vergesse. Ein Mensch kann oder will nicht mehr essen und trinken Doch was mache ich bei Menschen mit Demenz, die nicht mehr essen und/oder trinken möchten oder können? Was mache ich bei einem Bewohner, der die Nahrung nicht essen möchte, die nach den Lebensmittelempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) speziell für Senioren zubereitet ist? Und sich diese auch nicht anreichen lässt?

Im Seniorenzentrum Geschwister-Louis-Haus

Menschen mit Demenz beim Essen und Trinken zu unterstützen gehört zu meinen Aufgaben als Altenpfleger im Seniorenzentrum Geschwister-Louis-Haus in Hürtgenwald-Vossenack. Das Geschwister-Louis-Haus ist ein stationäres Seniorenheim und bietet in drei, dem Stadium der Demenz entsprechenden Wohngruppen einen Lebensraum für 24 mobile und zwölf körperlich immobile Menschen mit Demenz. So sind die Angebote der Mahlzeiten auf die Bedürfnisse der jeweiligen Ressour- cen der Menschen mit Demenz abgestimmt. In der Anfangsphase der Demenz In der ersten Wohngruppe für Menschen in der Anfangsphase einer Demenzerkrankung werden die Mahlzeiten in Buffetform angeboten. Die Menschen bestimmen selber, wann sie was essen und trinken und wie viel. Nahrungsverweigerung tritt in dieser Phase der Demenz meist nicht auf, solange ich mich mit meiner Ethik über „Tischmanieren“ und „gutem Geschmack“ zurückhalten kann. Das gelingt leider noch nicht immer.

Erst kürzlich meldete sich eine Angehörige bei mir :„Bitte, schauen Sie mal nach dem Rechten hier beim Essen, da wird gematscht, der bekommt das nicht hin, das ist ja schon ekelhaft“. Als ekelhaft empfunden war für die Angehörig ein „dementisch“ zubereitetes Butterbrot belegt mit Zuckerwürfeln und Erdnussflips. Als der Mensch mit Demenz merkte, dass und wie über ihn gesprochen wurde, verließ er den Raum. Es bedurfte eines validierenden Gesprächs und etwas Schokoladensoße über dem zubereiteten Brot, bis der Bewohner wieder essen wollte. Ich glaube, in dieser Phase der Demenzerkrankung ist die größte pflegerische Leistung, den Bewohner essen zu lassen, so, wie es ihm schmeckt und in Mengen, wie er sie möchte, auch wenn häufig die Kleidung in größeren Größen neu gekauft werden muss. Der Mensch mit Demenz kann im weiteren Verlauf der Erkrankung von einer Körpergewichtsreserve profitieren, dann, wenn er zum Beispiel Nahrung nicht mehr als solche erkennt, oder durch einen grippalen Infekt für eine Zeit appetitlos ist.

Therapeutisches Essen

Betreut wird im Geschwister-Louis-Haus nach einem eigenen speziellen Konzept, was als Fundament den Leitfaden zu einem Leben in einer familiären Gemeinschaft durch Mitarbeiter und Bewohner trägt. Dazu gehört zum Beispiel ein „Therapeutisches-Essen“, wobei Pflegende und Menschen mit Demenz zusammen die Mahlzeiten zu sich nehmen. Dabei sitze ich oft in der zweiten der drei Wohngruppen und reiche einem Bewohner Essen und Trinken an. Hier habe ich erfahren, dass ich Ruhe und Gelassenheit vermitteln sollte, damit sich ein Mensch mit Demenz Nahrung anreichen lassen kann. Der Mensch mit Demenz sieht mich essen und kann trotz seiner kognitiven Desorientiertheit erahnen, was passiert.

Sich Zeit nehmen

Natürlich ist, sich Zeit zu nehmen, im Pflegealltag eine der schwierigsten Aufgaben. Doch bin ich schneller fertig, wenn ich neben dem Mensch stehe, während ich ihm Essen reiche? Nimmt der Mensch mit Demenz größere Mengen Nahrung zu sich, wenn ich drauf verzichte, neben ihm zu essen? Oft habe ich erlebt, dass, wenn ich zu unruhig war, der Mensch mit Demenz aufgestanden ist und die Gruppe verlassen hat. Später verweigerte er dann zu essen und zu trinken. Und trotzdem wird diese Haltung teilweise von Angehörigen oder auch der Pflege fremden Kollegen hinterfragt. Oft werde ich gefragt: „Hast Du nichts zu tun?“. Hätte ich natürlich. Zum Beispiel zu dokumentieren, dass es dem Bewohner heute geschmeckt hat, oder ich sollte Pflegevisiten für die nächste „Qualitätsprüfung“ des MDK durchführen. Auch für eine weitere schriftliche Einschätzung der Ernährungssituation des Bewohners wäre bestimmt Zeit. Nur hat noch nie ein Mensch mit Demenz oder dessen Betreuer verlangt, dass, nachdem ihm das Essen gut geschmeckt hat, ich dieses aufschreiben soll, damit er zufrieden sei. Oft unerträglich wirken die Forderungen an Dokumente zum Verlauf der Ernährung der Menschen mit Demenz, während Pflegende für die praktische Umsetzung zur Gestaltung von Mahlzeiten fehlen. Und wenn jährlich im Rahmen der „Qualitätsprüfung“ festgestellt wird, dass die Dokumentation im Bereich der Ernährung der Bewohner sehr gut sei, ist das in „Echt“ nicht so. Hierzu braucht es mehr gut ausgebildete Pflegende, denen es möglich ist, mit Ruhe, Geduld und Aufmerksamkeit diese Aufgabe auszuführen. Würden die heutigen „Qualitätsprüfer“ ab morgen sich dieser Aufgabe annehmen, wäre es besser – auch in „Echt“.

Teamcoaching

Die Position zwischen den Bedürfnissen der Menschen mit Demenz, der eigenen pflegerischen Haltung, gesetzlichen Anforderungen und den Wünschen der Angehörigen und Betreuer zu dem im Pflegealltag Machbarem bedarf für mich immer wieder einer Sondierung. Hierzu nutzt das Team seit etwa fünf Jahren die Möglichkeit eines „Teamcoaching“. Dort darf ich über diese Belastungen offen sprechen, hören, wie meine Kollegen die Situation empfinden. Ich darf durch die nicht zum Team gehörenden Coaches erfahren, wie die Situation von außen Betrachtet wird und zusammen mit meinen Kollegen einen Plan für einen gemeinsamen Umgang entwickeln. Fazit des letzten Coachings war: „Das Team hält an Ruhe, Humor und dem ´Therapeutischen Essen´ fest“.

Fortschreiten der Demenz

Mit Fortschreiten der Demenzerkrankung ergibt sich häufig der Verlust der körperlichen Mobilität. In der dritten Wohngruppe, die besonders von einer ruhigen Atmosphäre geprägt ist, werden die Menschen mit Hilfsmitteln mobilisiert. Die Bewohner können Tag und Nacht Zeit nach Belieben in einer Gemeinschaft verbringen, wobei jeder Bewohner zum Rückzug über ein eigenes Zimmer verfügt. In dieser Phase der Demenz erlebe ich, dass der Mensch ganz aufhört, Nahrung zu sich zu nehmen oder immer geringe Portionen aufnimmt, dadurch an Körpergewicht verliert und stirbt. Eine mögliche Ursache des Appetitmangels zu finden ist oft eine „Detektivarbeit“. Kann oder möchte der Mensch nicht mehr essen und trinken? Natürlich kann ich beim Nichtessen durch pflegerische Interventionen eingreifen. Wie aber ist damit umzugehen, wenn ein Mensch nicht mehr essen und oder trinken möchte?

Eine schwierige Entscheidung

Angehörige fragen mich: „Was halten Sie von künstlicher Ernährung in Form einer PEG-Sonde?“. Oder: „Wie würden Sie entscheiden, wenn das Ihre Mutter wäre?“ Dass meine Meinung zu PEG-Sonden oder zum Befinden des Bewohners eventuell die weitere Ernährung und Lebenssituation eines Menschen entscheiden sollte, empfand ich häufig als sehr belastend. Ich erinnere mich an Aussagen von Ärzten, dass eine „künstliche-Ernährung“ bei Menschen mit Demenz gleich einem Verlängern der „Qual“ sei. Dabei kenne ich Bewohner, die mit einer Demenz und einer PEG Sonde nach eigenen und meinem Empfinden gerne leb(t)en. Ich erinnere mich an eine Bewohnerin, die aufgrund eines grippalen Infektes etwa drei Wochen komplett über eine PEG-Sonde ernährt wurde. Dann innerhalb von etwa drei Monaten immer mehr Nahrung oral zu sich nahm und schließlich die PEG-Sonde nicht mehr nutzte. Diese Frau antwortete auf die Frage: „Wie geht es Ihnen?“ mit „Gut, Junge!“ Von einer „Qual“ war nichts zu erkennen.

Fallbesprechungen

Eine Lösung für solche Situationen gelang erst mit Einführung von Fallbesprechungen nach „Perrar“. Dabei betrachten die Mitarbeiter, Ärzte und Angehörigen oder Betreuer die Situation des Menschen mit Demenz. In diesen bis zu drei Stunden dauernden Fallbesprechungen wird der Bewohner vorgestellt: Wie wird er erlebt? Welche Probleme im Bereich der Ernährung sind bekannt?

Im „Hauptteil“ stellt der Angehörige die Lebensbiografie des Menschen mit Demenz vor. Auch wenn für den Bewohner meist eine Lebensbiografie erhoben ist, werden mir hier durch den Fallmoderator die Motivationen seines Handelns verdeutlicht. Bei diesem Teil der Fallbesprechung erlebe ich immer wieder, wie ich den Menschen mit seinem Handeln, nicht essen oder trinken zu wollen, verstehe. Ich kann den Bewohner in seinen einzelnen Lebensbezügen wahrnehmen und sein Empfinden nachvollziehen.

Zuletzt suchen alle Beteiligten nach Lösungsansätzen, wie dem Nicht-mehr-essen-wollen begegnet werden kann. In einer Fallbesprechung konnte über die Lebensbiografie für mich deutlich erkennbar gemacht werden, dass der Bewohner nicht mehr leben möchte, für ihn eine durch intensiv medizinische Maßnahmen bedingte Verlängerung der Situation nicht gewünscht wäre. Den Lösungsvorschlag, den Bewohner entsprechend seiner Wünsche palliativ zu begleiten, konnte ich annehmen, weil es für mich sowie alle weiteren Beteiligten, wie die behandelnden Ärzte, Angehörige, Betreuer und meinen Kollegen als Wunsch des Bewohners gesehen werden konnte. Die Möglichkeiten, mich mit meinen Kollegen in einem geschützten und moderierten Rahmen über die Belastungen im Rahmen von Nahrungsverweigerung von Bewohnern austauschen zu können, gemeinsame Wege des Umgangs und Handelns zu beschließen, ermöglicht es mir, auch nach zwanzig Jahren als Altenpfleger immer noch sagen zu können, dass dieser Beruf mir der liebste ist.

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